Der Osterhase meldet sich zu Wort – ein Interview

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Wo soll ich nur anfangen? Da ist man mal ein paar Tage offline und schon gibt’s so viel zu berichten. Für die Neugierigen zu allererst. Ich fraß. Ich fraß viel. Und ich lief. Ich lief viel. Resultat beim heutigen Wiegen: 100 Gramm Zunahme. Puh, gerade noch mit einem blauen Auge davon gekommen.

Aber kommen wir nun zu Wichtigerem. Ich hatte mich ja mit dem Osterhasen im Wald verabredet. Hier nun das ungeschnittene Interview über Logistik, Glaubensfragen und den Schlankheitswahn:

Der Weightwatcher: Herr Hase, es freut mich, dass Sie sich die Zeit für dieses kleine Exclusiv-Interview nehmen. Aber wie schaffen Sie das, gerade in der Go-Live-Phase Ihres alljährlichen Projektes derlei Termine wahrzunehmen?

O. Hase: [streicht sich süffisant über das Barthaar] Nun, das ist alles eine Frage der Logistik. Ein ausgeklügeltes System. Tut mir leid, dass ich gleich am Anfang dieses Gespräches eine Antwort aus Geheimhaltungsgründen ablehnen muss, aber Sie wissen ja, die Konkurrenz schläft nicht.

Der Weightwatcher: Ja, der Weihnachtsmann. Aber offen gesagt sehen Sie im Vergleich zu ihm recht ausgemergelt aus. Hat der Weißbärtige sein Geschäft besser im Griff?

O. Hase: „Economies of Scale“* ist hier das Stichwort. Schauen Sie mal, er bringt nicht nur Eier, sondern Geschenke von manchmal nahezu unschätzbarem Wert. Das erhöht natürlich seine Popularität und aufgrund der höheren Margen auch sein Investitionspotenzial. Der Mann in Rot verfügt über eine Armee von Wichteln, die ihm zur Hand gehen. Dazu kann er sich ganz andere Fortbewegungsmittel leisten. Beim neuesten Reindeer GTI tränen mir schon vor Neid die Augen. Sein System ist perfekt organisiert, da greift ein Rädchen ins andere.

Der Weightwatcher: Höre ich da eine gewisse Verbitterung heraus?

O. Hase: Ich kann nicht verleugnen, dass mein Geschäft sich eher suboptimal entwickelt.

Der Weightwatcher: Inwiefern? Glaubt niemand mehr an den Osterhasen?

O. Hase: Daran liegt es nicht. Ganz im Gegenteil, auch der Weihnachtsmann profitiert eher vom Kommerz. Man muss nicht glauben, um sich reich beschenken zu lassen. Nein, es liegt eher am Produkt. Sehen Sie, ich transportiere Eier. Hühnereier, Schokoladeneier, Geleeeier, Fondanteier und und und. Aber da gibt es eine internationale Bewegung, die mir mit geschliffen rhetorischer Propaganda das Geschäft verdirbt.

Der Weightwatcher: [errötet] Sie meinen die WeightWatchers.

O. Hase: Ganz recht. Diese Fanatiker belegen all meine Produkte mit Strafpunkten. Je süßer das Ei, desto höher die Punktzahl. Selbst Hühnereier werden zwar großzügig „gesunde Sattmacher“ genannt, aber auch dieses Naturprodukt wird angezählt. Das macht der Branche schon sehr zu schaffen. Und es werden immer mehr.

Der Weightwatcher: Aber kann Qualität nicht der Schlüssel sein, dieses Problem zu überwinden?

O. Hase: Hin und wieder werden auch die härtesten Revoluzzer bei feinstem Lübecker Marzipan oder edlem Cognac XO mal schwach, dann schlägt unsere Stunde. Aber das rettet nicht die Situation. Besonders die Uhus sind hartnäckig. Vom Aussterben bedroht – dass ich nicht lache.

Der Weightwatcher: Uhus?

O. Hase: Ja. Diese Standvögel sind unerbittlich. Sie vertreten die Ansicht, sie hätten mit weniger als hundert Kilogramm Eigengewicht bereits viel erreicht und fühlen sich als etwas Besseres. Sie sind leichter, wendiger und unberechenbarer als der Rest der Bewegung und verweigern sich jedweder Konsumhaltung, um ihre Position zu wahren.

Der Weightwatcher: Können Sie da mit ihren schlanken Strukturen nicht gegenhalten?

O. Hase: Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Ich bin schnell, drahtig, topfit und muss mich nicht auf Reindeers und schwere Schlitten verlassen. Mir reichen meine Läufe und ein Weidenkorb auf dem Rücken. Wäre ich Mitglied der Bewegung, würde das sogar meine Konsumquote aufgrund ausgeklügelter Bonussysteme erhöhen. Aber was bringt mir das? [zögert] Was haben Sie da eigentlich in Ihrer Tüte?

Der Weightwatcher: [errötet erneut] Klamotten. Ich war heute Einkaufen und habe mir Hosen gekauft, da die alten nicht mehr passen. Von 40 auf 36, zwei Größen runter.

O. Hase: Da haben Sie’s. Trage ich Kleider? Wäre ich fülliger, wäre das allen egal. Ich würde sogar noch als niedlich bezeichnet werden. Aber bei Euch Menschen ist das anders. Und hier sind wir auch schon wieder beim Wettbewerber. Der dicke Mann mit dem weißen Bart muss sich nicht um die Abnehmerbewegung scheren. Statt Süßigkeiten liefert er dann eben die besagten Hosen aus. Ich habe nur meine verpönten Eier.

Der Weightwatcher: Welche Strategien entwickeln Sie, um diese Krise zu meistern?

O. Hase: Der einzige Weg führt über die Diversifizierung. Wir müssen umdenken. Wir forschen nach neuen Produkten, die von der Bewegung unangetastet bleiben und trotzdem in unsere logistische Gutstruktur passen. Eierpflaumen sind momentan ein Schwerpunkt unserer Entwicklung. Wir arbeiten daran, mehrfarbige Exemplare mit optimaler Rundung zu züchten. Auch mit Tomaten und Paprika gehen wir diesen Weg. Knackpunkte sind die eingeschränkte Haltbarkeit und die hohen Anforderungen an eine qualitätssichernde Lebensmittellogistik.

Der Weightwatcher: Herr Hase, ich danke für das Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute für Ihren Forschungs- und Entwicklungsbereich.

O. Hase: Lassen Sie mich an dieser Stelle noch darauf hinweisen, wie gesund Eier sind. Geben Sie sich einen Ruck. Frohe Ostern!

*: wirtschaftlicher Größenvorteil (die Red.)

3 Gedanken zu “Der Osterhase meldet sich zu Wort – ein Interview

  1. Hallo Herr Erdmann, wären Sie wohl so nett, diese Nachricht dem Osterhasen zu übermitteln (Sie scheinen da ja recht gute Kontakte zu haben)
    Lieber O.Hase, es betrübt mich sehr, dass ich zu der Erschwerung Ihrer Lebensumstände beitrage, aber glauben Sie mir: Auch als Gewichtskontrolleur hat man’s nicht leicht. Wenn ich ganz in Ihrem Sinne Ostereier verteile, werde ich als Hexe verunglimpft. Es ist ebenfalls ein hartes Brot, die Watchenden vom übermäßigen Futtern abzuhalten und wenn sie straucheln, ist es an mir, sie wieder aufzurichten; und ganz ehrlich, das geht um so vieles leichter, wenn diese weniger wiegen… Gerne bin ich zu einem Treffen bereit um unser Synergiepotential zu diskutieren. Gerne auch mit dem Mann in rot, der im Übrigen bereits regelmäßig zum Einzelcoaching zu mir kommt. Darüberhinaus werde ich mich gerne in Ihrem Sinne bemühen, Herrn Erdmann von den Vorzügen eines vegetarischen Geburtstagsbratens zu überzeugen. Mit den besten Grüßen Zursahne Boni

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    • Liebe Frau Boni,

      das leite ich gerne an Herrn Hase weiter. Vielleicht ist er ja für eine Kooperation zugänglich. Mich würde dies insofern freuen, als dass ich mit einer neuen Methodik im nächsten Jahr nicht nur mein Gewicht (nahezu) halten, sondern sogar eine Reduktion ins Auge fassen kann, ohne das Leben dieses langohrigen Logistikprofis zu gefährden.

      Herzlichst
      Jörn Erdmann

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